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Rekordverdächtig: Dieses Jahr über 400 Zecken pro 100 Quadratmeter

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2018 ist extrem, auch bezüglich krankheitsübertragender Spinnentiere. Schuld ist das Wetter der Vorjahre.

Kein Bock auf Holz. Anders, als der Name suggeriert, mögen Holzböcke weder Zellulose noch Pflanzensäfte, sondern Blut. Das ist…

Ob ein Sommer ein Zeckensommer wird, entscheidet sich größtenteils schon in den Vorjahren. 2018 ist ein solcher, und wichtig dafür war, dass 2016 die Wälder reichlich Bucheckern und andere Früchte produzierten. Rötel- und Gelbhalsmäuse haben so reichlich Futter und bekommen viel Nachwuchs. In dem strömt Futter für Zeckenlarven: Blut. Es liefert ihnen genug Energie, um sich am Waldboden in eine Nymphe verwandeln zu können.

Die Feuchtigkeit im Vorjahr bestimmt die Zeckenzahl

Im nächsten Jahr wartet diese Jugendform erneut auf eine Maus. Nach dieser nächsten Mahlzeit häutet sich das Tier ein weiteres Mal und wird zur erwachsenen Zecke. Dabei sollte ihre Haut nicht zu sehr austrocknen. „Ist der Sommer wie 2017 recht feucht, erreichen relativ viele Nymphen das Erwachsenenstadium“, erklärt Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Da tiefe Temperaturen viele Zecken töten, brauchte es nach dem Bucheckernsommer 2016 und dem Feuchtsommer 2017 nur noch einen milden Winter wie den vergangenen für einen Super-Zecken-Sommer wie 2018.

Seit zehn Jahren beobachtet der Arzt und Mikrobiologe Dobler mit seinen Kollegen diese Zyklen in einem Gebiet in Süddeutschland. Vor allem die von diesen Spinnentieren übertragene Virusinfektion FSME, die bei Menschen Hirnhautentzündungen nach sich ziehen kann, interessiert sie dabei.

An der Veterinärmedizinischen Universität Wien geben Katharina Brugger, Franz Rubel und ihre Kollegen die in Süddeutschland gesammelten Daten dann in ein Computermodell ein. Mit den Bucheckernzahlen des ersten Jahres und den Wetterdaten des zweiten Sommers und des folgenden Winters ermittelt es eine Vorhersage des kommenden Zeckensommers. 187 Nymphen hatte das Programm für 100 Quadratmeter Waldboden für den Sommer 2017 vorhergesagt, schreiben die Forscher in der Zeitschrift „Experimental and Applied Acarology“. Tatsächlich habe man dann 180 Nymphen gezählt, berichtet Dobler.

Je mehr Zecken pro Quadratmeter, umso höher das Risiko einer Infektion

2018 scheint nun alle Rekorde zu reißen: 443 Zecken prognostiziert das Modell pro 100 Quadratmeter. Mehr Zeckenbisse bei Menschen und auch mehr übertragene FSME-Hirnhautentzündungen sind dann ebenfalls wahrscheinlich. Tatsächlich hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin bis Mitte Juli vergangenen Jahres 197 Fälle im Land gezählt, 2018 waren es im gleichen Zeitraum 298, etwa 50 Prozent mehr. Der traurige Rekord von 546 gemeldeten FSME-Fällen im Jahr 2006 könnte in dieser Saison übertroffen werden. 2016 waren es noch 348 Fälle dieser infektiösen Hirnhautentzündung gewesen, 2017 bereits 497. In Europa und Asien schätzen Experten rund zehntausend Erkrankungsfälle jährlich.

Das Risiko für eine FSME-Infektion ist allerdings keineswegs überall gleich, denn der Erreger kommt unterschiedlich häufig in Zecken vor. In Deutschland liegt der Schwerpunkt im Süden, 85 Prozent aller Fälle werden aus Bayern und Baden-Württemberg gemeldet. Aber auch in solchen Hotspots tragen nicht alle Zecken das Virus, sondern allenfalls ein paar Prozent. Diese Hotspots sind oft bereits seit Jahren bekannt. Doch sie verändern sich auch immer wieder. „Entlang der Alpennordkette steigen die Zahlen an, eine besonders starke Zunahme sehen wir derzeit im Allgäu“, erklärt Dobler. In Österreich schnellen derweil die FSME-Zahlen in Tirol in die Höhe, gleichzeitig scheinen die Infektionen aus Niederösterreich zu verschwinden.

FSME-Infektionen sinken

Auch aus Mainfranken werden keine FSME-Infektionen mehr gemeldet, in Nordbaden und Südhessen nehmen die Zahlen ebenfalls ab. Stattdessen entstehen neue Hotspots. Sie sind oft kleiner als ein Fußballfeld und liegen etwa im Thüringer Wald und am Nordrand des Erzgebirges. Während die Forscher nicht wissen, weshalb der Erreger teilweise verschwindet, gibt es eine gute Erklärung für das Auftauchen neuer Zentren, die häufig direkt an bereits bekannte Hotspots grenzen: Während die Zecken normalerweise an Mäusen Blut saugen, erwischen sie manchmal auch größere Tiere wie Rehe und Hirsche. An ihnen können sie etliche Kilometer mitwandern, dann abwandern und sich so den zweifelhaften Titel eines Hotspot-Gründers erwerben.

FSME-Viren haben sich aus dem Süden Deutschlands auch auf den Weg nach Norden gemacht. In den letzten Jahren wurden aus Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin neue Hotspots gemeldet. Der Erreger sitzt auch hier nur in wenigen Prozent der Zecken. Die Infektionsgefahr ist auch deshalb relativ gering, weil das Virus anscheinend nur bei einem von drei Bissen FSME-haltiger Zecken auf den Menschen übertragen wird.

Oft entwickelt sich nur eine harmlose Sommergrippe. Bei jedem zehnten Infizierten setzt sich das Virus aber im Nervensystem fest. „Lähmungen, Koma, Krampfanfälle und manchmal auch Todesfälle können die Folge sein“, sagt Dobler. Schützen kann eine Impfung. Allerdings ist bisher nur jeder Fünfte in Deutschland geimpft, in Österreich sind es dagegen 80 Prozent.

Imfpung schützt auch vor Infektionen über die Milch

Die Impfung schützt auch vor Infektionen, die nicht direkt von einer Zecke übertragen werden. So übertragen die Holzböcke FSME auch auf Schafe, Ziegen und Kühe, Erreger landen in der Milch der Tiere, an der sich wiederum Menschen infizieren können. „Dieser Übertragungsweg scheint sehr effektiv“, sagt Dobler. Praktisch jeder, der Rohmilch oder Frischkäse von infizierten Tieren esse, scheine sich anzustecken. Noch in den 1950er Jahren waren solche Infektionen über Milch und Käse häufiger als über Zecken. Die Pasteurisierung von Milch setzte dem ein Ende. Erst seit Rohmilch wieder in Mode kommt, infizieren sich Menschen wieder über diesen Weg: 2016 erkrankten zwei Personen im Landkreis Reutlingen nach Genuss von Ziegen-Rohmilchkäse. Und 2017 „infizierten sich acht Menschen im Landkreis Tübingen, nachdem sie Ziegen-Rohmilch getrunken hatten”, berichtet Dobler.

Einem Langstreckenübertragungsweg sind die Zeckenforscher inzwischen ebenfalls auf der Spur. „Wir haben in Oberbayern FSME-Viren in Zecken gefunden, deren nächste Verwandte aus Finnland stammen“, sagt Dobler. Vögel, die zwischen diesen Regionen ziehen, könnten verantwortlich sein und nicht den heimischen Holzbock Ixodes ricinus, sondern die Vogelzecke Ixodes festei mitgeschleppt haben. Lidia Chitimia-Dobler hat sie bereits in Deutschland nachgewiesen. Die Ehefrau und Kollegin von Gerhard Dobler hat mit Ixodes inopinatus noch eine weitere Zeckenart erstmals in Süddeutschland, im Raum Leipzig und in Dänemark nachgewiesen, die bisher in Mitteleuropa unbekannt war und anscheinend aus dem Mittelmeerraum eingewandert ist. Ob diese und andere bisher nur vereinzelt in Deutschland nachgewiesene Zecken FSME-Viren tragen und auf Menschen übertragen können, müssen die Forscher noch untersuchen. „Bisher scheint aber der Holzbock nahezu allein für die Verbreitung von FSME verantwortlich zu sein“, sagt Gerhard Dobler. Neue, durch milderes Klima begünstigte Zeckenarten könnten allerdings auch andere Krankheiten übertragen. Selbst von jener Art, die unter anderem das gefährliche Kongo-Fieber überträgt, wurden dieses Jahr zum wiederholten Male Exemplare in Deutschland gefunden.

Nach dem Spaziergang ausziehen und rausziehen

Neben FSME übertragen Zecken in Deutschland auch die Lyme-Borreliose. Erreger dieser Krankheit ist ein Bakterium, das in Baden-Württemberg in etwa jeder fünften Zecke vorkommt. Da jeder vierte infizierte Holzbock den Erreger bei einer Blutmahlzeit an den Menschen weitergibt, könnten Borreliose-Infektionen relativ häufig sein. Sie beginnen oft mit einer Rötung der Haut, der „Wanderröte“. Danach kann eine Sommergrippe folgen, während der sich die Bakterien auf verschiedene Organe verteilen und etwa in den Gelenken oder im Nervensystem festsetzen. Dort können sie heftige Schmerzen verursachen.

Gegen Borreliose gibt es keine Impfung. Allerdings sind Neuinfektionen – in Deutschland jährlich etwa 50.000 – gut mit Antibiotika behandelbar. Vor Zeckenbissen – und damit allen Arten von Folgeinfektionen – schützt Bekleidung, die möglichst wenig Haut frei lässt. Da Holzböcke meist an der Spitze längerer Grashalme lauern, hilft es, sich nur auf kurz gemähten Wiesen niederzulassen. Nach dem Ausflug gilt: Kleidung ausschütteln und den Körper sorgfältig nach Zecken absuchen. Wird dann noch eine Zecke beim Blutmahl entdeckt, rasch per Pinzette entfernen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion steigt, je länger der Holzbock saugt.

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