Wissen und Technik

Schräger Vogel auf vier Beinen

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Küken des Hoatzins benutzen ihre Flügel zum Klettern und Schwimmen. Wie einst der Urvogel Archaeopteryx.

Wasservogel. Hoatzine leben in Venezuela, immer in der Nähe von Flüssen.

Auf den eigenen zwei Beinen sind frisch geschlüpfte Küken noch recht wacklig. Das gilt wohl für so ziemlich alle Vogelarten. Doch jetzt haben Biologen entdeckt, dass der Nachwuchs des südamerikanischen Hoatzins sich zu helfen wissen: Sie benutzen ihre Flügel, an deren Enden sie kleine Krallen haben, als Beine und laufen und klettern damit nicht nur, sondern schwimmen sogar recht gut. Ganz ähnlich könnten sich Urvögel wie Archaeopteryx vor 150 Millionen Jahren fortbewegt haben, vermuten Anick Abourachid vom Nationalen Naturkundemuseum in Paris und ihre Kollegen im Fachblatt „Science Advances“.

Hoatzins sind keine Flugkünstler

Um die Fortbewegung der Hoatzin-Jungtiere genauer zu untersuchen, hatten die Forscher an den Ufern des Cojedes-Flusses in Venezuela vier Küken von Opisthocomus hoazin gefangen. Die Art lebt an den Flüssen im nördlichen Teil der Regenwälder Südamerikas. Als Flugkünstler sind sie eher nicht bekannt, vielmehr kriechen die Tiere von der Größe eines Haushuhns durchs Geäst. Dort fressen sie Blätter und anderes Grünzeug, das lange im Darm verdaut werden muss, um möglichst viel Energie herauszuholen. Das macht den Hoatzin schwerer als andere Vögel, die eher nach schnell verdaulichen Insekten und nährstoffreichen Körnern picken und so ein flugfähiges Gewicht bewahren.

Hoatzine fliegen im südamerikanischen Regenwald daher allenfalls ein paar Hundert Meter weit, landen und fressen dann sogleich weiter. Ähnlich Kühen und Schafen brauchen sie viel Zeit, um aus der kargen Blätternahrung genug Nährstoffe zu gewinnen. Dabei hilft ein übergroßer Kropf, in dem spezielle Bakterien leben, die Blätter, Blüten und Früchte zersetzen und so vorverdauen. Der Kropf ist allerdings so groß – rund 50-mal größer als der Magen –, dass die Flugmuskeln viel schlechter am Brustbein ansetzen als bei echten Flugkünstlern, sagt Gerald Mayr, der am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum im hessischen Frankfurt die Sektion Ornithologie leitet. Ein Grund mehr, nicht zu fliegen.

Mehr Saurier wagen. Fliegen ist nicht sein Ding. Zwar kann der Hoatzin ein paar Hundert Meter weit flattern. Die südamerikanische…

Diese Kombination aus sehr langen Fressperioden, langsamem Kriechen durchs Geäst und miserablen Flugeigenschaften aber macht die Fortpflanzung offensichtlich zu einer echten Herausforderung: Sobald die Küken aus dem Ei schlüpfen, müssen sie gut und reichlich mit Nahrung versorgt werden. Aus diesem Grund brüten viele Singvögel in Mitteleuropa im Frühjahr, wenn viele fette Raupen und anderes Getier durchs frische Grün kriechen, und füttern den Nachwuchs mit dieser energiereichen Kost. Die Hoatzin-Eltern aber bleiben bei ihrer kargen Blätternahrung, die sie vorverdaut in die Schnäbel ihrer Küken würgen. Daher wächst der Nachwuchs langsamer und die Eltern lassen das Nest während ihrer langen Nahrungssuche und dem langwierigen Rückweg zu ihrer Brut immer wieder einmal ohne ausgewachsene und wehrhafte Vögel unbewacht allein.

Affen, Schlangen und andere Tiere haben also reichlich Gelegenheit, die zwei bis vier hilflosen Küken aus dem Nest zu holen, das die Hoatzin-Paare immer unmittelbar am Ufer eines Flusses im Geäst wenige Meter über dem Wasser bauen. In einer solchen brenzligen Situation springen die Küken dann einfach aus dem Nest ins Wasser und retten sich schwimmend oder tauchend. „Ist die Gefahr gebannt, hangeln sie sich mithilfe zweier Krallen an den Spitzen jedes Flügels wieder auf ihren Baum und warten dort auf ihre Eltern“, sagt Mayr.

Diese beiden Fortbewegungsarten des Hoatzin-Nachwuchses haben sich Anick Abourachid und ihre Kollegen im Labor genauer angeschaut und gefilmt. Tatsächlich nutzen die Küken ihre kurzen Flügel im Wasser geschickt zum Schwimmen. Mit wenigen Flügelschlägen sind sie am Ufer. Dort angekommen, ist jedoch eine völlig andere Fortbewegungsart nötig, um eine Böschung oder einen Baumstamm hochzuklettern. Um sicheren Halt zu finden, sind die zusätzlichen Krallen an den Flügelspitzen extrem hilfreich. Dabei setzen die Küken die Flügel wie zwei zusätzliche Beine ein und ziehen sich so – kriechend wie ein Vierbeiner – zurück ins sichere Nest.

Krallen wie der Archaeopteryx

Von den heute lebenden Vögeln hat keine andere Art so ausgeprägte Krallen an den Flügeln wie der Hoatzin-Nachwuchs – der sie bis zum Erwachsenenalter verliert. Paläontologen aber kennen diese scharfen Haken vom Urvogel Archaeopteryx, der vor rund 150 Millionen Jahren lebte und eine dieser Übergangsformen von zweibeinigen Raubsauriern zu den Vögeln war. Vielleicht bewegten sich also auch diese „Urvögel“, von denen inzwischen einige weitere Arten gefunden wurden, damals in den Bäumen, vermuten Abourachid und ihre Kollegen.

Auch bei den Sauriern kennen Forscher inzwischen Zweibeiner, die vor weit mehr als hundert Millionen Jahren in den Bäumen lebten. Stammen die Vögel also von geschickten Kletterern ab? „Das könnte durchaus so sein“, meint Mayr.

Ein „lebendes Fossil“, ein seit 150 Millionen Jahren unveränderter Urvogel, scheint der Hoatzin aber trotzdem nicht zu sein. „Diese Art ist hoch spezialisiert und steht sehr wahrscheinlich mitten in der Verwandtschaft der modernen Vögel“, sagt Mayr. Die kräftigen Krallen an den Flügelspitzen der Jungvögel haben sich also wohl erst vor einigen Jahrmillionen erneut entwickelt, während sie bei urtümlichen Vögeln wie den Hühnern längst verschwunden sind.

Im Erbgut heutiger Vögel sind die uralten Baupläne für diese Krallen aber durchaus noch vorhanden. Tatsächlich bilden viele Vogelarten zumindest in frühen Entwicklungsstadien noch immer die sauriertypischen Klauen an den Flügeln aus. Es ist also durchaus möglich, dass die Hoatzin-Vorfahren die Flügelkrallen nicht neu „erfunden“ haben, sondern nur die alten Baupläne irgendwann im Verlauf der Evolution reaktiviert haben. Oder vielmehr: Der Nachwuchs, der die alten Pläne zufällig wieder eingeschaltet hatte, konnte sich mit den Krallen vor seinen Fressfeinde in Sicherheit bringen, während die krallenlose Verwandtschaft um die Chance gebracht wurde, sich fortzupflanzen.

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