Wissen und Technik

Ein Netz fürs Klima

0

Ein Start-Up will mit einem Plastik-Vlies die Wüste bewässern, Solarmodule optimieren und das Klima retten.

Wind weht durch die Netze und hilft bei der Verdunstung von Meerwasser

Herr Korrmann, Sie wollen mithilfe von speziellem feinporigen Vlies aus Plastik Meer- oder salzhaltiges Grundwasser entsalzen, mit dem gewonnenen Wasser große Flächen bewässern und dabei auch noch bei der Produktion von Solarstrom helfen. Das Klima sollen die „Irrigationnets“ nebenbei auch retten. Wie soll das gehen?
Die Netze werden am Rand von Feldern aufgespannt und mit Meerwasser benetzt. Wenn nun trockenheißer Wind durch die Netze weht, entsteht, anders als bei klassischer Entsalzung, aus dem salzigen Wasser kein Süßwasser, sondern salzfreier Wasserdampf, also Luftfeuchtigkeit. Die schlägt sich auf den angrenzenden Feldern teilweise als Morgentau nieder. Damit wird der Boden im Umkreis von vielen Kilometern bewässert. Zudem reduziert die erhöhte Luftfeuchtigkeit tagsüber die Verdunstung aus dem Boden und den Wasserbedarf der Pflanzen. Außerdem lässt sich die Kälte, die beim Verdunsten des Wassers entsteht, auch nutzen, um Fotovoltaikanlagen zu kühlen. Das erhöht die Lebensdauer und den Stromertrag um bis zu 20 Prozent. Das hat noch keiner versucht, weil der Wirkungsgrad bei dieser Kühlungsmethode eigentlich unter 30 Prozent liegt und somit eher bescheiden ausfällt. Weil wir aber nicht nur den Stromertrag sehen, sondern gleichzeitig der Landwirtschaft in Dürregebieten helfen, werden aus 70 Prozent Verlust plötzlich 70 Prozent Agrar-Kühlung und 100 Prozent Feuchtigkeit.

Das klingt nach dem großen Wurf und macht daher skeptisch. Wo ist der Haken?
Es gibt noch offene Fragen: Wie viel Salz gelangt bei Großanlagen später vielleicht doch in die Luft? Schadet die Feuchtigkeit den Photovoltaikmodulen oder den Gestellen? Wie viel Wasser kann wirklich eingespart werden und wie reagieren verschiedene Pflanzenarten?

Volker Korrmann ist Geschäftsführer der ewind GmbH und Erfinder der „Irrigationnets“, mit denen der Ingenieur binnen fünf Jahren…

Es wäre jedenfalls auch ein Eingriff in bestehende Ökosysteme, sicher auch mit Folgen, die heute noch nicht absehbar sind?
Früher wurde die Steppe von der Feuchtigkeit der Regenwälder versorgt. Schon in dem Film: „Die Wüste lebt“ von Heinz Sielmann leckten die Antilopen den Morgentau von den Gräsern. Doch jetzt fehlt diese Feuchtigkeit immer häufiger und Wüsten breiten sich aus. Wir verbessern mit IrrigationNets nur den von Menschen zerstörten Feuchtigkeitshaushalt und reparieren somit den bereits angerichteten Schaden.

Wie sieht es mit dem eingesetzten Material aus. Zersetzen sich die Netze in der Sonne nach einer Weile zu Mikroplastik, das auf den Feldern und im Meer landet? Wie sorgen Sie hier für Nachhaltigkeit? Und was passiert mit dem ganzen Salz?
Das Material wird von Fotovoltaikmodulen vor der Sonne geschützt und hält dadurch viele Jahre. Trotzdem entsteht Mikroplastik, das wir aber durch Wasserfilter auffangen. Im Gegensatz zur klassischen Umkehrosmose kommen wir ohne chemische Zusätze aus und können somit unbelastetes Salz produzieren. Bei einer Produktion von mehreren tausend Tonnen im Monat kann man dieses Salz beispielsweise an die Chemieindustrie verkaufen.

Die Verdunstung von Meerwasser reguliert die Luftfeuchtigkeit und kann zusätzlich Fotovoltaikanlagen kühlen

Wird Ihr Projekt mit den nötigen Mitteln öffentlich gefördert oder haben Unternehmen aus der Solarindustrie oder Landwirtschaft schon investiert?
Leider nein. Sowohl Solar- als auch Agrarfirmen sind sehr konservativ. Es ist das typische Henne-Ei-Problem. Auch die Förderbank KfW hat uns dazu gesagt: Tolle Sache, sobald das wirtschaftlich erfolgreich ist, fördern wir es gerne. Nur brauchen wir erst einmal eine Anschubfinanzierung, um diesen Beweis zu erbringen.

Derzeit versuchen Sie es bei Kickstarter mit einem Crowdfunding-Projekt, Finanzierungsziel 17 000 Euro. Haben Sie schon genug Geld eingesammelt?
Bei Weitem noch nicht und die Aktion endet am Freitag. Wer noch helfen will: irrigationnets.com/9hn12

Die Fragen stellte Richard Friebe.

Trinkwasser aus dem Meer

Previous article

Humboldt-Universität wehrt sich gegen gefälschte Briefe

Next article

You may also like

Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.